Inhalt
- Metaphorischer Surrealismus in den Bildern von Michail Chochlatschow
- Jakob Emmanuel Gaisser (1825–1899), Die Schachpartie
- Giulio Campi, „Die Schachpartie“, 1530–1532
- Gilbert Charles Stuart, „Bildnis der Misses Hetty und Mary Morris“, 1795
- José Gallegos y Arnosa, Die Schachpartie
- François Brunery (1849–1903), Italien
- Francis Cotes, Bildnis William Welbys und seiner ersten Frau, 18. Jahrhundert
- Rémy-Furcy Descarsin, „Bildnis des Doktor de S., der mit dem Tod Schach spielt“, 1793
- Jean-Georges Vibert, Schach
- Henry Siddons Mowbray, Die Schachpartie, 1890
- Sir Lawrence Alma-Tadema (1836–1912)
- „Indisches Spiel mit lebenden Schachfiguren“, 1876
- Michael Fitzpatrick, „Ein Tag im Leben“, 2013
Das Schach ist in der Malerei breit vertreten. Künstler stellten nicht nur Spieler bei einer Partie dar, sondern auch einzelne Teile des Schachspiels. Dazu trugen viele Umstände bei. Das Schach selbst galt als Brettspiel, als Modell menschlicher Beziehungen, sogar als Modell der gesellschaftlichen Hierarchie und sozialer Vorgänge. Es fand Eingang in die Symbolik des Mittelalters und der Neuzeit. Schon früh begann man, Partien nach der Schönheit ihrer Kombinationen und der Eleganz der strategischen Pläne zu beurteilen. Viele Maler, die das Spiel darstellten, verstanden einiges davon, und manche waren selbst Berufsspieler und nutzten ihre Bilder, um für das Schach zu werben.

Metaphorischer Surrealismus in den Bildern von Michail Chochlatschow
Jedes Bild von Michail Chochlatschow ist eine Landkarte seiner Reise in die Illusion. Seine Werke sind oft metaphorisch und verlangen ein scharfes Auge, um die versteckten Anspielungen zu entschlüsseln. Und jedes Bild ist eine kleine Reise in eine solche Illusion.







Jakob Emmanuel Gaisser (1825–1899), Die Schachpartie
In den Bildern der klassischen Maler ist kein Gegenstand zufällig, jeder trägt den Gedanken des Bildes. Seit alters her stellt man in Gemälden das Schachspiel dar, oft mit den verschiedensten Allegorien.




Joseph Clark (1834–1926), ein britischer Maler, dessen Werk den Geist des viktorianischen England einfing.


Sue Zilak, „Schach“, 2004
Giulio Campi, „Die Schachpartie“, 1530–1532
Venus macht das traditionelle, über Jahrhunderte bewahrte Siegeszeichen im Schach: Sie zeigt mit dem Finger auf das Brett. Dabei wendet sie sich dem Narren zu — wahrscheinlich hat er sie während des Spiels geneckt, doch am Ende waren all seine Späße leerer Spott. Übrigens sieht man, dass Venus und Mars nicht mit schwarzen und weißen, sondern mit schwarzen und roten Figuren spielen. Wir sind gewohnt, die Schachwelt schwarz-weiß zu sehen, doch jahrhundertelang war sie dreifarbig — schwarz, weiß und rot. Rot konnte Weiß oder Schwarz ersetzen, oder das Brett selbst war rot-weiß oder rot-schwarz. Feste Regeln gab es dafür nicht.

Gilbert Charles Stuart, „Bildnis der Misses Hetty und Mary Morris“, 1795
Der Maler nutzte das Schach, um das Wesen der Schwestern zu zeigen: feurig (Rot) und ruhig (Weiß). Er betonte ihren Charakter auch durch Frisur und Haltung. Die Schwester links, die mit Rot spielt, sitzt selbstsicher da, nimmt Raum ein, stützt sich auf den Tisch und lässt ihrem wilden Haar freien Lauf. Die Schwester rechts, Herrin der weißen Figuren, scheint sich kleiner machen zu wollen — sie sitzt leicht gebeugt, verbirgt die Hände und versteckt das Haar unter einem Turban. Hinter der linken Schwester steht eine Säule, die ihre Selbstsicherheit unterstreicht; hinter der rechten ein Vorhang, der von ihrer Verschlossenheit zu sprechen scheint.
Mit dem Bild ist eine fast märchenhafte Geschichte verbunden. Das Haus, in dem es hing, brannte fast vollständig ab. Unversehrt blieb nur ein Stück einer Wand — und genau dort fand man das Bildnis der beiden Schwestern unbeschädigt.


José Gallegos y Arnosa, Die Schachpartie
Im Mittelalter spielte der gesamte Adel der katholischen Länder Schach, und Schachfiguren fanden sich in den Schatzkammern von Kirchen und Abteien, obwohl die Kirche das Spiel für teuflisch erklärt hatte.



Henri Brispot (1846–1928), Frankreich. „Der Zug des Kardinals“


Giulio Rosati (1858–1917), Italien. „Die Schachspieler“
François Brunery (1849–1903), Italien
Eine Schachpartie konnte Anlass zu einer galanten Unterhaltung mit einer Dame sein oder als Vorwand für eine Romanze dienen.

Francis Cotes, Bildnis William Welbys und seiner ersten Frau, 18. Jahrhundert
Vor den Welbys steht ein Schachbrett. Die Partie ist remis: Nur die beiden Könige sind übrig, die sich nach den Regeln nicht nähern dürfen und einander also weder Schach bieten noch mattsetzen können. Man nimmt an, dass der Maler so die Gleichberechtigung in dieser Familie ausdrücken wollte. Sieht man genauer hin, zeigen zwar beide mit der Siegesgeste auf das Brett, doch der Mann fügt auch die Geste der Niederlage hinzu — die offene Handfläche. Er ist bereit, seiner Liebsten galant den Vortritt zu lassen.

Rémy-Furcy Descarsin, „Bildnis des Doktor de S., der mit dem Tod Schach spielt“, 1793
Ein Mann im Hausrock und mit Nachtmütze zeigt lächelnd mit der Geste des Siegers auf das Brett. Der Tod macht dagegen die Geste des Besiegten: Er wendet die offene Hand dem Brett zu. Er ist aufgestanden, als wolle er gehen. Warum wird dieser Mann überhaupt im Spiel mit dem Tod gezeigt? War er schwer verwundet oder krank? Nein: Hinter ihm hängt ein Bild mit einer Szene aus dem Mythos von Asklepios, dem legendären Arzt der Antike, der Patienten sogar aus den Händen des Totengottes Hades zu reißen vermochte. Selbst ohne den Titel des Bildes verriete uns dieses Gemälde, dass wir einen Arzt vor uns haben, dessen Heilerfolge denen des Asklepios gleichkommen.

„Bildnis des Doktor de S., der mit dem Tod Schach spielt“
Jean-Georges Vibert, Schach
Im 18. und 19. Jahrhundert malte man Politiker, Geistliche und Philosophen beim Schachspiel. Besonders oft geriet Napoleon auf solche Bilder: Er liebte das Schach, und seine Hofmaler verewigten so gern seine militärischen Siege. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt.

Henry Siddons Mowbray, Die Schachpartie, 1890
Im 19. Jahrhundert schlossen sich die Orientalisten der allgemeinen Mode an; ihre Zahl wuchs mit der aktiven Kolonialpolitik der führenden europäischen Mächte. Die Orientalisten spielten gern mit dem Exotischen am Schach — ungewöhnlichen Figuren, der trägen Muße der Spieler. Sehr oft malten die Künstler ihre eigenen Vorstellungen vom märchenhaften Orient.


„Die Schachspielerinnen“, ein Gemälde des irischen Malers John Lavery (London, 1929).

Sofonisba Anguissola (um 1532–1625), italienische Malerin, die erste bekannte Malerin der Renaissance.



Wjatscheslaw Schwarz (1838–1869). Eine Szene aus dem häuslichen Leben der russischen Zaren im 16. Jahrhundert, „Die Schachpartie“
Sir Lawrence Alma-Tadema (1836–1912)
Einer der bekanntesten britischen Maler des 19. Jahrhunderts, der historische und mythologische Themen malte. „Ägyptische Schachspieler“, 1865.

Sir Lawrence Alma-Tadema, „Ägyptische Schachspieler“, 1865
„Indisches Spiel mit lebenden Schachfiguren“, 1876
„Lebendschach“ ist die theatralische Aufführung einer Schachpartie auf einem großen Brett. Der erste Beleg stammt aus dem Jahr 1408, als am Hof des Sultans Muhammad, des maurischen Herrschers von Granada, eine Vorstellung mit lebenden Figuren stattfand.

Henri Pierre Picou (1824–1895) galt am Ende des Zweiten Französischen Kaiserreichs als der modischste Maler. „Indisches Spiel mit lebenden Schachfiguren“, 1876

Jean-Léon Gérôme (1824–1904), französischer Maler und Bildhauer, berühmt für Bilder sehr unterschiedlichen Inhalts, vor allem Szenen aus dem Leben der Antike und des Orients.

Frederick Judd Waugh (1861–1940), amerikanischer Maler, eher bekannt für seine Seestücke

Jacques Clément Wagrez (1846–1908), französischer Maler, Porträtist, Meister der Genre- und historischen Kostümszenen, Aquarellist, Illustrator und Dekorateur. „Die Schachpartie“

Raffaello Sorbi (1844–1931), Italien. „Die Schachspieler“

Hildur Prahl Nielsen (1855–1940), Dänemark. „Matt in drei Zügen“, 1885

Richard Creifelds (1853–1939), USA. „Veteranen“, 1886
Michael Fitzpatrick, „Ein Tag im Leben“, 2013
Nach Aussage des Künstlers war das Bild als Übung in pyramidaler Komposition gedacht, ging aber darüber hinaus. Ein junges Mädchen spielt in einem Turnier (das verrät die Uhr neben dem Brett). Ihre Leidenschaft und ihre Versunkenheit zeigt ein interessanter Kunstgriff: Das Brett spiegelt sich in ihrer Brille — als stünde es ihr vor Augen. Auf ihren Lippen liegt ein leises Lächeln der Freude: Die Partie hat gerade erst begonnen, und alles liegt noch vor ihr.


Remis. Linda R. Herzog, 2005

